Die Kunst der gekonnten Beleidigung
Auch Deutlichkeit ist ein Ziel der Kommunikation. Von Ursula März
Nehmen wir folgende kommunikative Situation aus unserem lebhaften literarischen Leben: Der Kritiker W. steht eines Abends vor dem (kalten) Kamin einer literarischen Begegnungsstätte. Er unterhält sich mit einer Dame. Um ihn herum weitere Grüppchen, die sich ebenfalls im Gespräch befinden. Die Szenerie gleicht einem Stehempfang. Unerwartet tritt der Schriftsteller B. auf den Kritiker W. zu und herrscht ihn, ohne Begrüßung, ohne Übergang mit eher leiser, aber umso schärferer Stimme an: »Du Arschloch! So eine Sauerei. Drei gegen einen! So wütend war ich seit fünfzehn Jahren nicht. Mit dir rede ich kein Wort mehr!«
Vernachlässigen wir den kryptischen Inhalt der Aussage und betrachten ihre Form. Zweifellos handelt es sich hier um den Typus der aggressiven Rede, des gewollten, direkten Affronts, der nicht nur im literarischen, sondern auch im allgemeingesellschaftlichen Leben seinen berechtigten Platz besitzt. Er fährt wie ein Blitz in unser mittelmäßiges Dahergeplapper und zieht im besten Fall ein reinigendes Gewitter nach sich. Nichts dagegen zu sagen. Leidenschaft muss sein, auch wenn sie mal recht böse rüberkommt. Das ewige Kuscheln guter Bücher mit guten Lesern und guten Kritikern ist für unser literarisches Leben auf Dauer überhaupt nicht gesund.
Nur merkt man der oben geschilderten Szene deutlich an, dass sich im Zeitalter der Kommunikations- überschwemmung und Kommunikationsentgrenzung auch der verbale Affront seiner Form nicht mehr sicher ist; rhetorisch und sozial. Jemanden unter vier Augen ein »Arschloch« zu nennen, ist eine gewollte Beleidigung, die in der unüberbietbaren Kürze ihren Zweck erfüllt. Als persönliche Mitteilung spricht das Wort für sich. Mehr gibt's darüber hinaus eigentlich nicht zu sagen. Derjenige, der »Arschloch« genannt wird, weiß ja wohl, dass der, der ihn so nennt, mit ebendieser Injurie den Kontakt abbricht, nicht weiter mit ihm reden will und außerdem so empört ist wie schon lange nicht mehr. Warum also der ganze nachfolgende, bruchstückhafte Kommentar? Das Wort »Arschloch« beleidigt ja nicht nur. Es drückt auch aus, dass sich jeder weitere Satz erübrigt.
Anders wäre es, wenn sich der Affront als öffentlicher Skandal, als Auftritt vor Publikum abgespielt hätte; nicht als Vieraugengespräch. Man könnte sich die Szene ja auch so vorstellen: Der Kritiker W. lehnt am Kamin, um ihn herum plaudernde Menschen, die jäh verstummen. Vom anderen Ende des Raums schreit der Schriftsteller B. plötzlich los: »W., du bist ein Arschloch, denn...« und so weiter. In diesem Fall, in dem sich die persönliche Beleidigung zur Anklage auf offener Bühne ausweitet, wäre eine ausführliche Anklagerede völlig am Platz, ja notwendig. Wenn schon skandalisiert, will das Publikum auch wissen, was zwischen W. und B. eigentlich los ist. Dafür aber wären die Sätze »...Sauerei. Drei gegen einen! So wütend war ich...« wiederum zu wenig, zu elliptisch.
Wie und wann, wie viel, wie wenig, in welchem Kontext, welchem Rahmen - das sind die Fragen der zeitgenössischen Kommunikation. Sie beherrscht unser Leben, und je mehr sie es beherrscht, desto stärker verliert sie an Form und Regelwerk. Zwei sehr unterschiedliche Bücher - ein populärer Ratgeber, der sich witzig gibt und Rede-Diät nennt, und ein philosophischer Traktat, Wider die Kommunikation, befassen sich auf sehr unterschiedliche Weise mit den Problemen derselben: Verwaschene Rhetorik, ungeklärte kommunikative Bedingungen. Betrachtet man den »Arschloch«-Affront einmal aus der Perspektive der Dame, mit der sich der Kritiker W. unterhält, als B. ihn anspricht, wird die Schieflage der Situation noch deutlicher. Sie steht da, nickt dem sich nähernden, ihr gänzlich unbekannten B. freundlich zu und hört im nächsten Moment aus nächster Nähe, wie er »du Arschloch« sagt. Sie wird, was B. wohl gar nicht beabsichtigt hatte, ungewollt Opfer einer Kollateralbeleidigung.



