Corona – eint uns? Millionen persönliche Krisen erzählen eine andere Geschichte

Corona – eint uns? Millionen persönliche Krisen erzählen eine andere Geschichte 

Während die Politiker unterschiedlicher Länder ihre Bevölkerung auf “Disziplin”, “Verantwortung” und “Gemeinschaft” einschworen, erlebte jeder seine höchst persönliche Corona-Krise. Die verlief in Oberitalien anders als in Südalbanien. Wir konnten im Freundes- und Bekanntenkreis erleben, dass die Belastungsgrenze des Einzelnen höchst individuell erreicht wurde. Oftmals sah diese schon im gemeinsamen Wohnzimmer völlig anders aus. 

Bei mir ist die psychische Toleranz gegenüber Bedrohungen und negativen Schlagzeilen grundsätzlich niedrig, weshalb ich Europa bei gutem Wind und noch im letzten Augenblick den Rücken zugekehrt habe. 

Meine Tochter lebt in Westaustralien und das erschien mir weit genug entfernt. Raus aus dem zweiten großen Epizentrum nach dem Ausbruch in Wuhan und ab zu den Kängurus. Zusammen mit meinem Sohn flog ich ans andere Ende der Welt zur Tochter und dem Enkelkind. Nach dem Motto: Wenn ich schon einem weltweiten Virus ausgesetzt bin, dann möchte ich wenigstens im Kreise meiner Kinder sein. Die Pandemie war dann zum Glück weniger das Problem als meinen 50. Geburtstag in australischer Quarantäne verbringen zu müssen. Wer aus Europa kam, sperrte sich zuerst einmal 14 Tage weg in Self-Isolation. 

Meinem Mann imponierte diese Aktion. Er zog es jedoch vor in Österreich die Stellung zu halten. Für ihn war ich freiheitsliebend, flexibel, festentschlossen, aber auch fürsorglich meinen Kindern und den eigenen Nerven gegenüber. 

Andere hingegen signalisierten mir, sie fänden meine Abreise fragwürdig, fahnenflüchtig und frevelhaft. Während sich alle im Lande den herrschenden Zwängen beugten, bräuchte es keine Extrawürste und individuelle Ausreißer. Punktum! 

Mir war bewusst, dass sich auch jene, die gegen den Strom schwammen im gleichen Wasser befanden. Corona verfolgte uns schließlich weltweit – das erst macht eine Epidemie zur Pandemie. Mir erschien jedoch logisch, dass viele Menschen auf wenig Raum gefährlicher bei einer Seuchenausbreitung sind als wenige Menschen in einem dünn besiedelten Gebiet.  

Zudem habe gelernt meinen Instinkten zu vertrauen. Verwunderlich empfand ich deshalb die Rückrufe von Minister Schallenberg und befreundeten Kollegen. Schon wenige Wochen nach meiner Ankunft in Western Australien beschwor man mich so schnell wie möglich nach Österreich zurückzukehren. Warum nur? Damit ich statt in australischer Quarantäne lieber in österreichischer sitze? Oder weil Europa in den Iden des März so ein sicherer Ort war? 

Ich bin dann freiwillig und unter Kopfschütteln bis Anfang Mai Down Under geblieben. Die Schule des Sprechens durfte ich ohnehin nicht öffnen und remote habe ich täglich auch am anderen Ende der Welt Trainings abgehalten. Zeit war eine verfügbare Ressource und so vertonte ich gleich mehrere Podcasts und schrieb einige Kolumnen. 

Flight Fright Fight 

Unter Druck reagiert jeder anders: Die einen erstarren, die anderen beginnen zu kämpfen und die dritten flüchten. 

Dem Lama, das zu den Fluchttieren gehört, macht niemand einen Vorwurf, dass es lieber davonrennt. Wogegen ein Wolf, der vorzugsweise im Rudel jagt, auch das instinktiv macht. 

Ich hingegen bin selten dort zu finden, wo die Masse sich tummelt – und stattdessen vom Satz überzeugt: “Never go with the flow”!  

Bei den vielen Online-Trainings, die ich in den letzten Wochen aus Westaustralien abgehalten habe, hat mir eine Kundin, die Horoskope liebt, gesagt: Du hast deinen 50. Geburtstag in Quarantäne Down Under verbracht. Kein Wunder, du bist Widder! Marlon Brando, Charlie Chaplin, Leonardo da Vinci, Lady Gaga oder Vincent van Gogh sind ebenfalls nicht gerade aufgefallen, weil sie mit dem Fluss schwammen. Schade, dass ich nicht einmal an die Sterne glaube, denn ihr Satz war tröstlich und schmeichelhaft zugleich. 

Fazit: Der wirtschaftliche Schaden für mein Unternehmen ist enorm. Umso wichtiger war es, mich nicht zusätzlich psychisch kaputt zu machen mit Trübsinn, Tod und Live-Tickern. 

Natürlich gab es auch im Land der Koalas und Kängurus Angst, Restriktionen und einen Shutdown. Die Maskenpflicht fiel dafür weg und die persönliche Freiheit des einzelnen kam mir großzügiger vor. Die Statistik gab mir recht: Bis heute gibt es in Western Australia weniger Infizierte als in Österreich Tote.