Ein “Mandat” für den Kontext

22. April 2022 von Tatjana Lackner, MBA

Kürzlich habe ich in einem Interview mit Joe Friggieri am Uni-Campus von Malta über den Zusammenhang von Aussagen gesprochen. Er selbst ist Professor für Philosophie und stellvertretender Rektor an der Universität Malta und gab im Anschluss eine Keynote im Rahmen eines Festivals. 

Nach seiner Rede kam er zu mir und begann an den Aussagen von unserer Aufnahmesession beim Frühstück zu zweifeln. Joe druckste herum und wollte partout nicht mehr, dass mein Aufnahmegerät bei den weiteren Fragen rund um den Vortrag mitlief. Ich wunderte mich über seinen Sinneswandel, doch er machte mich aufmerksam auf die “Bedeutung des Kontextes”. 

“Selten ist es der Inhalt, der Zuhörer zum Umdenken bewegt”, war Joe sicher. Vielmehr habe die jeweilige Redesituation für ihn eine manipulierende Komponente und darin läge die große Verfänglichkeit. 

Daheim in Wien angekommen musste ich selbst schon bald wieder ein Interview geben. Es ging kaum um etwas Weltbewegendes, vielmehr um die Frage, wie sich der Kanzler bei einer konkreten Pressekonferenz rhetorisch-strategisch geschlagen hat. Hintergrund: Seine Personenschützer folgten der fragwürdigen Einladung seiner Frau zu einem Umtrunk und wurden danach verhaltensauffällig. Zugrunde lag eine anonyme Anzeige, die dem politischen Mitbewerber zugespielt wurde und die dieser sofort zu politischem Kleingeld machte. 

Ich unterstrich im Skype-Talk, dass ich kein Fan von feigen Anonym-Anzeigen bin.  

Von anderen Menschen vernadert zu werden ist hässlich, in der Neidgesellschaft unseres Landes nichts Neues und es kann selbst den Bundeskanzler treffen. 

Ich warnte davor, dass ausgerechnet in heiklen Zeiten das permanente Politiker-Bashing wenig hilfreich sei. Klar deutete ich auf die Gefahr hin, dass den Job “Volksvertreter” bald niemand mehr ausüben würde. 

Nach dem Interview hatte ich für mich beinahe den Eindruck, dem amtierenden Bundeskanzler – der einst in einer meiner Lehrveranstaltungen als Student saß – zu sehr an die Seite gesprungen zu sein. (Randbemerkung: Du merkst, dass Du alt wirst, wenn Deine ehemaligen Studierenden Bundeskanzler und Minister:innen werden). 

Vor der Abendausstrahlung des Beitrages um 19.00 Uhr witzelten die Moderatoren schon in der Anmoderation über den Bundekanzler. Meine Worte aus dem Interview wirkten in diesem Zusammenhang plötzlich eher wie eine seichte Bestätigung. Nicht mein Inhalt hatte dazu beigetragen. Es war ausschließlich der Kontext und die Art, wie das Interview zusammengeschnitten wurde. Da fielen mir die Worte vom zaudernden Joe Friggieri wieder ein: “Tatjana, ich erzähle Dir hier in Deiner charmanten Anwesenheit und bei Sonnenschein etwas über die politische Haltung unseres Landes in Bezug zu Russland. Morgen ändert sich der Kontext und Du bettest meine Worte vielleicht so ein, dass sich der Zusammenhang ändert und die gleichen Sätze völlig anders klingen. Es wäre dann nicht der Inhalt oder der Subtext, der sich geändert hat, sondern nur die Kraft des Kontextes.” 

Joe hat recht. Immer besteht das Spiel um Emotionen aus dem Bezugsrahmen “Framing”, kleine Andeutungen, scheinbar harmlosen Moderationssätzchen und wirkungsvoll Ungesagtem. Dahinter lassen sich die eigentlichen manipulativen Intentionen medial trefflich verbergen.  

Fazit: Lassen Sie sich nicht nur richtig zitieren, sondern erklären Sie stets auch die Nebenumstände, damit sich das Gegenüber ein Bild machen kann. Setzen Sie selbst die Frames so, dass Ihre Worte nicht aus dem Bild purzeln und vor allem nicht leicht “schneidbar” sind. 

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