Gibt es ein Schönheitsideal bei Stimmen?

Gibt es ein Schönheitsideal bei Stimmen?

Im Zuge eines Jahres gebe ich viele Interviews und beantworte eine Menge Medienanfragen. Diese sieben haben es in einen Blogpost geschafft: 

  1. Der französische Schriftsteller Jean Giraudoux hat einmal gesagt: „Wer seinen Willen durchsetzen will, muss leise sprechen“. Hatte er recht? 

Dazu muss man wissen, dass Jean Giraudoux ursprünglich Berufsdiplomat war. Diplomaten sind leiser als Politiker. Zudem war er definitiv kein Freund der deutschen Töner: Hitler war laut, Goebbels ein Polterer. Giraudoux hingegen musste im Widerstand – der Resistance – leise sein. 

Verallgemeinern kann man diese Behauptung aber sicher nicht. Ich erlebe viele junge, moderne Businessfrauen, die sich in Meetings zu wenig Raum nehmen – auch stimmlich. 

Auch wenn unsere Kinder noch so leise reden, sie werden in gewissen Situationen ihren Willen schlicht nicht bekommen. Erpresst werden Mütter an der Supermarktkassa eher vom öffentlichkeitswirksam laut schreienden Fortpflanz. 

Gibt es Situationen, in denen einer Frauenstimme mehr/weniger zugehört wird als einer Männerstimme oder sind Stimmen losgelöst von gesellschaftlichen Ungleichheiten? 

Nein, das sind sie leider nicht. Off-Sprecher beispielsweise sind in der Werbung fast immer Männer. “Universum” wird auch fast nur von Herren gesprochen. Die Damen dürfen mal einen Doku-Beitrag gestalten, aber immer, wenn es (natur-) wissenschaftlich wird, dann greifen Redaktionen erfahrungsgemäß lieber auf männliche Sprecher zurück.  

Dafür werden Frauen verstärkt dort eingesetzt, wo es um Dienstleistungen, Mode und Lebenshaltung geht. Servicelines bei Telefonanbietern, Waschmittel und Beautyprodukte, aber auch Küchenprodukte und Kinderartikel werden eher von Frauenstimmen eingesprochen. Das jahrelange Klischee ist gelebte Praxis und nur wenige weichen davon ab. 

Auf den Berufsalltag angesprochen haben Frauen stimmlich selten Vorteile. Sie müssen sich besonders um gutsitzende Stimmen kümmern. Selbst in der Führungsetage ist das noch so: Eine Agenturchefin, die es nicht schafft, den eigenen Besprechungsraum akustisch zu füllen, hat ein Kompetenzproblem. 

Wer Vokale quetscht, piepsig spricht oder zu hoch intoniert, wird auf Dauer keine Zuhörer-Fangemeinde haben. 

  1. Macht es auch für Young Professionals Sinn, Sprechkurse zu machen oder ist das eher etwas für Manager und Menschen aus der Kommunikationsbranche? 

Na klar! Wir starten schon mit “Cool Kids” (7-11) und weiter geht es mit “Rhetorik für Teens” (12-14, 15-18). 

Ehrgeizige Eltern haben längst erkannt, dass es sich lohnt, schon von Anfang an etwas für die Redesicherheit ihrer Sprösslinge zu tun. Das Passwort für den späteren beruflichen Erfolg lautet schließlich: Kommunikation! Wir begleiten viele Schüler & Studenten durch das Kalenderjahr und coachen sie für heikle Gesprächssituationen. Und zwar von A wie Argumentation bis Z wie Zentralmatura! 

Also, ja. Young Professionals sind bei uns richtig. Viele kommen nach dem Studium oder nach dem Auslandsjahr. 

Die moderne Kommunikation wird bei uns lückenlos abgedeckt und die erworbenen Skills sind im Berufsleben sofort einsetzbar. Wir haben in den letzten knapp 30 Jahren viele Karriereorientierte bis in die Vorstandsebene begleitet.  

  1. Im beruflichen Kontext kommt es manchmal zu Konflikten. Was kann man tun, wenn man sich akut wehren muss, aber noch keine Gelegenheit hatte, über gute Argumente nachzudenken?  

Die Devise lautet: Rückfragen! Nicht rechtfertigen. “Wo genau hätten Sie sich mehr erwartet?” Wer mit “ja, aber … ” oder “nein, weil …” loslegt, der rennt direkt ins Messer der Rechtfertigung und über lässt dem Gesprächspartner die Führung. 

  1. Hat unsere Kleidung Einfluss darauf, wie wir sprechen? 

Ja, das hat sie wohl. Wir bewegen uns im Ballkleid oder mit Frack anders als in der Jogginghose. 

Das war eine wichtige Erfahrung in meinen Radiojahren. Da gab es vor dem Mikrofon lümmelnde schlecht gekleidete Moderatoren und solche, die sich aufgerafft haben, ein Hemd anzuziehen. Das Hemd hat man nicht gehört, die damit verbundenen bessere Sitzhaltung sehr wohl.  
 

  1. Soll man einem Gesprächspartner beim Sprechen in die Augen schauen? Vielen fällt das schwer. Gibt es Tipps, wie man das lernen kann? 

Ja, vielen fällt der Blickkontakt schwer, weil die Augen jede Menge verraten: Wer im Sales Gespräch beispielsweise nur mit dem Mund lächelt, aber nie mit den Augen, der ist vom Kunden schnell als Lügner enttarnt. Manchen ist der Blickkontakt besonders bei persönlichen Fragen zu intim – etwa im Bewerbungsgespräch haben scheue Menschen Probleme “in Kontakt” zu bleiben. 

Leichter fällt der Blickkontakt, wenn zudem beziehungsbindende Maßnahmen eingesetzt werden, wie Lächeln, Nicken und “prima”, “genau” als rhetorische Türöffner oder andere Bestätigungsgesten. 

  1. Ist es im Business-Kontext besser Standarddeutsch zu sprechen oder kann man ruhig im Dialekt sprechen? 

Grundsätzlich gilt: Für das bebaute Gebiet lieber die gebundene Mediensprache und am Land gerne Mundart. 

Viele Menschen glauben tatsächlich fest daran beides zu beherrschen. Das ist falsch. Besser man verstellt sich nicht und bleibt bei seinem Deutsch. 

Unsere Sprache ist ein Indiz für: Herkunft, Milieu und Bildungsgrad. Dialektsprecher sind häufig Wohlfühlrhetoriker, die sich nicht exponieren wollen. Gerade bei ihnen schaffen man mit Lokalkolorit eher Vertrauen als mit distanzierender Hochsprache. 

 Auf der anderen Seite leben wir in einer internationalisierten Welt und machen es Menschen aus CEE-Ländern beispielsweise doppelt schwer uns zu verstehen, wenn wir vom Standarddeutsch abweichen. 
 

  1. Schauspieler haben oft sehr schöne Stimmen. Gibt es ein „Schönheitsideal“ von Stimmen? 

Von den großen Schauspielern hatten früher viele tolle Stimmen. Die Zeit der Oskar Werners und O.W. Fischers ist gründlich vorbei. Nicht jeder Theaterabend garantiert heute akustischen Genuss. Die Zeiten haben sich geändert und die Bedeutung der Stimm- & Sprachfertigkeit ist hörbar in den Hintergrund gerückt. 

Damit hat jede Zeit ihre “stimmlichen Schönheitsideale”. Das ist bei Profis-Sprechern ähnlich wie bei Schauspielern. Sowohl in der Werbung als auch in der Informationssprache hat sich manches verändert.  

Wer sich heute beispielsweise eine alte Nachrichtensendung ansieht, “Zeit im Bild Da Capo” oder “Tagesschau” beispielsweise, der merkt sofort, dass sich die Sprechweise und der Rededuktus über die Jahre verändert haben. Was in den 1920ern als klangvoll galt, mutet heute seltsam an. 

Vor 30 Jahren regierte Gerd Bacher das fünfte Mal in der Generalintendanz des ORF und mit ihm zog der Journalismus ein. Jeder Redakteur sollte ab sofort Nachrichten schreiben und diese auch gleich selbst vertonen. Das Ergebnis hören wir heute noch im Radio. Damit waren die gern gehörten Berufssprecher Geschichte und der Sparmaßnahmen wegen, hatte man sich an weniger professionelle Betonungen zu gewöhnen. 

In den letzten Jahrzehnten haben wir hunderte Stimmen für die Sendereife ausgebildet. Unsere Absolventen haben sich die Diplom-Sprecherausbildung selbst bezahlt und viele sind heute bei Radiostationen im Einsatz. Es ist wohltuend ihnen zu lauschen. Einige höre ich immer wieder auf Österreich 1. Andere berichten von feinen TV- & Radiokarrieren bei Privatsendern in Deutschland, Österreich und sogar in Südtirol.