Jede Zeit hat ihre Propheten

Jede Zeit hat ihre Propheten 

Wenn man das Ohr dicht an den Volksmund hält, dann fällt auf, dass aktuell die apokalyptischen Wortkünstler am Mikrofon sind und große Probleme wälzen. Klimakrise, Mega-Arbeitslosigkeit, Pandemie sind nur ein Beispiel für Tristesse. 

Dementsprechend erklingt vielerorts Kriegs- und Kirchenrhetorik: Politiker wünschen sich einen “nationalen Schulterschluss”, andere halten Corona für ein “teuflisches Virus” und hoffen auf die baldige “Auferstehung unserer Wirtschaft”.  

Bis vor einigen Jahren waren wir von Selbstwirksamkeits-Predigern umgeben. In den Buchhandlungen haben sich die Ratgeber für ein gelungenes Leben gestapelt: “1000 Places to go before you die” erschien 2003 und würde aktuell weder in einer Welt der Einreisebeschränkungen und Covid-Auflagen den Puls der Zeit treffen noch ist Vielfliegen gerade eine CO2 verträgliche Empfehlung. 

Zu Beginn des Millenniums haben wir Ordnung geschaffen und uns von Gegenständen verabschiedet. “Simplify your life” führte 2001 die Bestsellerlisten der Buchhandlungen an. “Ebay” kam wie gerufen und bot vielen privaten Haushalten ein Schaufenster für Klamotten und Second Hand Ware. Bis heute ist dieser Online-Marktplatz eine beliebte Plattform, danach stießen regionale Anbieter in die gleiche Kerbe. 2006 startete in Österreich beispielsweise “willhaben”. 

Manchen ist vielleicht Marie Kondo noch ein Begriff. Die resolute Asiatin wurde 2011 zum YouTube Star mit ihrer Methode zum Schrankaufräumen. Ihr Bestseller “Magic Cleaning” wurde gleich in 40 Sprachen übersetzt und tausendfach verkauft. 

Aufräumen ist immer eine gute Idee. Doch würde dieser Trend aktuell recht einfältig anmuten in einer Welt der viralen Bedrohung, zunehmender Wetterkapriolen während zudem 79 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Elend sind. Ausgerechnet während des Lockdowns hatten viele Leute das Bedürfnis wenigstens im eigenen häuslichen Kosmos für Ordnung zu sorgen. Große Teile der Welt standen still, doch daheim haben sich viele die Zeit vertrieben und emsig aufgeräumt, sortiert und weggeworfen.  

Rhetorisch scheinen wir uns in einer Patt-Situation zu befinden. Was, wenn das Virus tatsächlich aus einem der Hightech-Tower in Wuhan stammt und nicht vom chinesischen Tiermarkt? Weder der polternde Donald Trump, die zahnlose EU noch der gesichtsstarre Putin haben aktuell etwas gegen die Regierung von Xi Jinping in der Hand. Die großen Sanktionen wären weder zu erwarten noch zu organisieren. 

Fazit: Gelassene Redner sind in aufgeheizten Zeiten angenehmer als die polarisierenden Spalter. Jeder hofft darauf, dass diese Welt sich gesundheitlich und klimatisch wieder erfängt und das Verbindende wichtiger wird als das Trennende.