Kennen Sie die drei größten Lügen des Homeoffice?

Kennen Sie die drei größten Lügen des Homeoffice? 

Verstehen Sie mich richtig, ich liebe Homeoffice und glaube, dass für gewisse Tätigkeiten Remotearbeit sogar sinnvoller ist. Ich selbst schreibe viel und so oft es sich einrichten lässt von daheim aus. 

Für meine Kolumnen und Bücher beispielsweise recherchiere ich nicht im Trubel des Tagesgeschäftes und auch die Podcasts muss ich in Ruhe vorbereiten – ohne Telefongeklingel, Trainerhearing und Sprecherprüfungen. Doch es sammeln sich auch zunehmend Mythen um die Büroarbeit von zu Hause: 

  1. Man arbeite mehr 

Menschen sind unterschiedlich und deshalb divergiert auch ihre Produktivität: Die Spanne reicht von den Tachinierern, die daheim Alibi-Arbeiten erledigen bis hin zu Burnout-Kandidaten, die ihre physischen Grenzen nicht kennen. Das ist am Arbeitsplatz live genauso, wie im Heimbüro. 

Während aus Skandinavien seit Jahren positive Meldungen zur Remote-Tätigkeit kommen, ist man in Rumänien, Italien, Spanien, Tschechien, oder Lettland beispielsweise noch reserviert. 

Klar unterscheiden müssen wir jedoch organisiertes Homeoffice in “normalen Zeiten” von den erschwerten Rahmenbedingungen während der Covid19 Krise. 

Im Singlehaushalt hat sich durch konzentriertes und ungestörtes Arbeiten der Flow bestimmt früher einstellt und es wurde ohne Doppelbelastung kräftig etwas weitergebracht. 

Viele von uns mussten sich jedoch parallel zum eigenen Homeoffice auch noch um das Home Schooling ihrer Kinder kümmern. Dazu kam die Enge, der Haushalt und die Wirkung der Kräfte auf die eigenen Familiendynamik. Das war manchen klar zu viel. Der tatsächliche Workload wäre gar nicht das Problem gewesen. Der Rest hat geschlaucht.  

Auffallend ist zudem, wenn Privatraum und Businessbereich verschwimmen, dann machen wir schnell mal den Job verantwortlich für die unterschiedlichen Anstrengungen in unserem Leben. Dabei unterliegt das Lebensdesign häufig der eigenen Gestaltung. 

Ich habe das “Homeoffice-ist-viel-anstrengender”-Phänomen sogar bei meinem sonst recht fleißigen Office Team erlebt. Im ersten Monat des Lockdowns hatten alle drei Mitarbeiterinnen subjektiv das Gefühl, deutlich mehr zu arbeiten als sonst. Bei genau keiner Auftragslage und geschlossenem Schulbetrieb wohl gemerkt. Ich hatte zwischendrin sogar die Befürchtung, sie würden Überstunden aufschreiben, obwohl wir gerade Kurzarbeit angemeldet hatten. Dieses Phänomen hat sich über die Wochen wieder gelegt, aber ich habe es im Netz bei anderen häufig wahrgenommen. Die Selbstlüge: “Ich arbeite im Homeoffice viel mehr” und das irrationale Gefühl “man beutet sich selbst aus” sind mancherorts geblieben. 

Auf der anderen Seite reißen sich Menschen in Unternehmen freiwillig um Homeoffice-Tage. Warum bloß? Pure Selbstausbeutung? Wie passt das zusammen?  

Unkontrolliert arbeiten zu dürfen, keiner Rushhour ausgesetzt zu sein, sich nicht stadtfein machen zu müssen und nicht jede Minute bewertet zu werden, scheinen Lebensqualität zu garantieren. Und damit ja niemand auf die Idee kommt, dass man zwischen Waschmaschine einräumen, frühstücken und “Sturm der Liebe” anschauen unproduktiv sei, muss man kräftig jammern darüber, wie hart die Arbeit im Homeoffice ist. Solange bis man sich das selbst glaubt. 

  1. Remote-Arbeit sei genauso effizient 

Schnell haben wir dazu gelernt in den letzten Wochen: Headset, Mikrofon, Meetings planen, Zoom, Jitsi, WebEx & Co waren vielen im Februar noch gar keine Begriffe. Niemand wollte sich als Newbie outen und einige haben deshalb so getan, als würden sie schon jahrelang online arbeiten. 

Wenn wir die Kommunikation betrachten, dann ist der Remotebetrieb selten effektiver. Wie oft sind Menschen einander in den letzten Wochen online ins Wort gefallen? Wir brauchen unsere fünf Sinne – auch für die Arbeit. Die Formel ist logisch: Zweidimensional ist besser als gar nichts, aber nicht idealer als dreidimensional. 

Live erspüren wir einen Raum mit seinen Stimmungen. Wir können andere leichter “lesen”, wenn wir ihrer angesichtig werden und nicht nur einen Bildausschnitt deuten. Der Blick fürs große Ganze fehlt. 

Zum Glück hat uns diese schreckliche Pandemie erst 2020 ereilt und beispielsweise nicht schon 1989 – bevor die kommerzielle Phase des Internets begonnen hat. Man stelle sich das einmal vor: Die Ausgangssperren wären damals tatsächlich einsam gewesen. Schließlich wurde SMS 1994 und die ersten Webmail-Anbieter 1996 eingeführt. Skype kam überhaupt erst eine Dekade später. 

Wir hätten uns mit dem guten alten Vierteltelefon während einer Pandemie schwerer in Echtzeit verständigen können. An elektronische Unterhaltung in der Quarantäne, wie Netflix, Apple TV, Nintendo Switch oder Zoom Partys, wäre damals gar nicht zu denken gewesen.  

Dank des technischen Fortschritts und der vielen aktiven Homeoffices weltweit ist wirtschaftlich nicht alles gestanden. Wir konnten uns virtuell verabreden, uns durch WhatsApp-Arbeitsgruppen informiert halten, online weiterbilden und Projekte vorantreiben. Viele Branchen blieben wenigstens teilweise produktiv. 

Es wäre allerdings falsch zu behaupten, dass Remote-Arbeit generell effizienter sei als Präsenzarbeit. Die Ablenkung in den eigenen vier Wänden, in denen wir uns sonst entspannen und darauf konditioniert haben “herunter zu kommen” ist groß. 

Lümmelnde Haltung beim Sprechen und fehlende Business-Attitude bei der Arbeit hört und sieht man mancherorts. Die Idee raus aus den Businessklamotten rein in die Jogginghose lässt uns haptisch umswitchen. In der Jogginghose Big Business zu machen und in Arbeitskleidung laufen zu gehen funktioniert nicht für jeden gleich gut. 

Man schläft vielleicht länger aus, startet nach dem eigenen Biorhythmus in den Tag und wird mit dem Gefühl durch das Homeoffice getragen “noch Zeit genug zu haben.” Bis der Tag um ist. 

Selbstdisziplin und Eigenmotivation fallen nicht jedem “Heimarbeiter” gleich leicht. Vielen fehlen zu Beginn die zeitliche Struktur und die ergonomische Ausstattung. Zudem fällt Homeoffice unter Vertrauensarbeit. Führungskräfte müssen lernen die Kontrolle phasenweise abzugeben und die Selbstkontrolle des Mitarbeiters zu entwickeln. 

Die Vorurteile machen einigen ebenfalls zu schaffen. “Stell Dir vor Herbert arbeitet in der Bank und hat zwei Tage in der Woche fix Homeoffice! Das bedeutet er hat nur eine Dreitage-WocheBei vollen Bezügen ist das ein Glückspilz! 

 Wenn dann auch noch die Arbeitsabläufe unklar oder gar nicht definiert wurden, dann arbeiten manche tatsächlich zu wenig und andere als Kompensation sogar mehr als nötig. Das Problem: Der innere Währungsumrechner “Geld für Leistung” unterliegt dadurch einem immer subjektiver werdenden Kurs. 

  1. Homeoffice sei reine Mitarbeiterzuwendung 

Klar ist, dass besser ausgebildete eher remote arbeiten können als Bäcker, die “berühmte Billa-Kassiererin” oder der Müllmann. Das “einfache Volk” muss in der Wissensgesellschaft weiterhin mit seiner Hände Arbeit Geld verdienen. Dementsprechend ist die Möglichkeit im Garten sitzend Homeoffice zu machen ein Privileg.  

Darunter befindet sich aber eine weitere Schicht. Wenn jemand am Weg in die Betriebskantine stürzt, ist das eine Arbeitsunfall. Wäre das auch so, wenn man sich in der Homeoffice-Pause bei der Gartenarbeit verletzt? 

Wer daheim “im Büro sitzt” muss sich seinen Arbeitsplatz selbst einrichten. Ohne Computer oder Laptop wird das schwierig. Die Anschaffungskosten trägt man bei temporärer Remoteleistung selbst und die “Mitarbeiter-Quadratmeterkosten” sinken für den Arbeitgeber. Dieser kann in der Zwischenzeit den freigewordenen Arbeitsplatz vor Ort neu vergeben. Für den Home Worker fallen zudem die Buffetkosten, Getränkekosten & Co weg, weil sich dieser ja aus dem eigenen Kühlschrank versorgt. 

Homeoffice gilt zwar im Personalmarketing als lockendes Zuckerl, doch sind Mitarbeiter daheim weniger “sichtbar” und werden bei Gehaltserhöhungen und Beförderungen leichter übergangen. Am Bibelsatz: “Stell’ Dein Licht nicht unter den Scheffel” ist viel Wahres dran. Eigenmarketing verlangt Anwesenheit. Im eigenen Wohnzimmer gelingt das kaum.