Kennst Du Deine Identitäten?

Kennst Du Deine Identitäten?  

Richard David Precht hat mit seinem Bestsellertitel “Wer bin ich – und wenn ja wie viele?” schon vor vielen Jahren einen Nerv getroffen. Deshalb lag sein Werk 2008 wohl auch 16 Wochen lang auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. 

Im Zuge unseres Lebens schlüpfen wir in viele Rollen und besetzen unterschiedliche Identitäten. 

Der Historiker Yuval Noah Harari ist in seinen “21 Lektionen für das 21. Jahrhundert” ebenfalls sicher, dass niemand nur eine Identität hat. Zwischen den Zeilen kann man herauslesen, dass er es wichtig findet, seine eigenen Wesensteile überhaupt zu kennen bevor Algorithmen uns in Zukunft eine Identität zuschreiben. 

Dieser Idee habe ich mich angenommen und eine rhetorische Übung für mein Spintraining “Selbstmarketing” entwickelt. Bevor wir das Scheinwerferlicht auf Teile unseres Seins richten können, müssen wir analysieren woraus unsere Persönlichkeit überhaupt besteht. Niemand schaut sich schließlich eine Auslage an, die uninteressant präsentiert, zufällig gewachsen oder gar verwahrlost ist. 

Die Maslow’sche Bedürfnispyramide ist zwar alt und mittlerweile längst um neuzeitlichere Bedürfnisse erweitert worden (s. “Die Kommunikationsgesellschaft: Lackners Labor”), aber sie tut hier ihren Zweck als gedankliches Werkzeug. 

Auf der untersten Pyramidenstufe geht es überall in der Welt zuerst um die körperlichen Grundbedürfnisse und unsere damit verbundenen Gruppierungen. So bin ich beispielsweise Einzelkind, Heterosexuell, Frau, Blutgruppe A positiv und zudem halbe Südamerikanerin. All das habe ich mir nicht bewusst ausgesucht, aber dennoch leiten sich klare Zugehörigkeiten ab. In Deutschland beispielsweise gehört meine Blutgruppe mit 37% anteilig zu den häufigsten. Das hat praktische Vorteile:  Da ausreichend Lebenssaft verfügbar ist gab es bei einem Unfall mit A positiv noch nie Versorgungsprobleme. Auf der anderen Seite scheint ausgerechnet meine Blutgruppe zu den schwersten Atemwegssymptomen bei Covid19 zu neigen. Ohne, dass ich viel dazu getan habe ergeben sich bereits zwei Gruppierungen aus nur einer Identität: “Blutgruppe A positiv”. 

Auf der nächsten Stufe geht es um Sicherheit und schon wieder kristallisieren sich mehrere Identitäten heraus: So bin ich beispielsweise selbständige Unternehmerin und falle damit in Österreich sofort in eine bestimmte Krankenkassenzuständigkeit. Als alleinerziehende Mutter bin ich selbstredend berufstätig und schon wieder gehöre ich verschiedenen Gruppierungen an – etwa der, die den Alleinverdienerabsetzbetrag im Jahresausgleich geltend machen darf. 

Aus einigen meiner Identitäten erwachsen mir sogar Verpflichtungen. Als sozialversicherte Frau über 50 werde ich in Österreich beispielsweise aufgefordert alle zwei Jahre zur Mammographie zu gehen. 

Viele unserer Zugehörigkeiten erfordern oftmals gegensätzliche Handlungen. Mit einigen Pfunden zu viel auf den Rippen sollte ich wohl bis zu meinem Tode Diät halten. Das passt der Hedonistin in mir hingegen gar nicht. Die hat gearbeitet und möchte es sich daher auch schmecken lassen. Die Windsurferin in mir würde sich für den geschmeidigen Beach Start allerdings über einige Kilos weniger im nächsten Sporturlaub freuen und geht eine Koalition mit der Diättusse ein.  

Wir tragen unsere Identitäten auf der Zunge und argumentieren – wie in einem Parlament für die jeweils größten Interessensvertreter. Das ist bereits in uns schwer genug – was aber, wenn dann auch noch der gesellschaftliche Gruppenzwang von außen dazu kommt. “Als Frau mit 30 solltest Du…” oder “Wer es bis 40 nicht geschafft hat …“ 

Die Werbung beschert uns zudem fiktive Identitäten, von denen wir nie geträumt haben. Bist Du Colatrinker? “Dove”-Duscherin? E-Bike-Besitzer dürfen sich angeblich trendy fühlen und Elektroautofahrer ebenso. Dabei bedeutet alleine die Entsorgung all ihrer Batterien eine Umweltkatastrophe in U-Moll. 

Und zu allem Übel lauern im Netz auch noch böse Kerle, die es auf unsere digitale Identität abgesehen haben. Reale Personen werden virtuell vertreten, durch eine Handy-Signatur beispielsweise; das ist, wie in der echten Welt der Fingerabdruck oder ein Personalausweis. 

Bei Licht betrachtet ergeben sich durch all diese verschiedenen Wesensteile in uns und rund um uns herum hunderte Argumentationsstränge. Dieses Wirr-Warr gilt es rhetorisch aufzuarbeiten und dabei selbst zu erkennen, wo unsere stärksten Identitäten einander im Weg stehen. 

Ein Beispiel macht die Sache klarer: 

Die Bloggerin und die 5-fache Kolumnistin samt der 6-fachen Buchautorin und auch der Podcasterin in mir, haben immer Stress. Wie in den journalistischen 20igern, zwängen sie sich in enge Kalenderfenster, Redaktionspläne und sehen überall Deadlines. Sie genießen es zwar kreativ zu arbeiten – doch sie haben auch das undankbare Gefühl, dass sie die eigentliche Eliteeinheit in meiner Persönlichkeit sind. Ohne ihre Gedanken hätte die Unternehmerin tatsächlich weniger zu verkaufen und die Mutter all die Jahre nichts zu essen gehabt.  

Demgegenüber hat die 2-fache Oma in mir das Bedürfnis mehr Zeit mit den Enkelkindern zu verbringen. Die Mutter des 15-jährigen Nachzüglers stimmt ihr zu und gemeinsam reden die beiden schon von Weihnachten und davon, dass die Familie das Wichtigste der Welt sei. Sie finden die gehetzte Eliteeinheit samt der YouTuberin albern und mit gänzlich falschen Werten ausgestattet. Im Gegensatz zum Kreativflügel sind beide davon überzeugt: Lange wird dieses Tempo nicht gut gehen. 

Die Akademikerin in mir möchte gemeinsam mit dem Bildungsminister wenigstens mit über 50 Jahren öfter wieder dem Philosophicum in Lech und Dürnstein beiwohnen. Sie haben immer alles berufsbegleitend organisieren müssen und ihnen wurde stets versprochen: Später mal haben wir dann Zeit, um in Ruhe den eigenen Interessen nachzugehen. Verständlicher Weise echauffieren sich die beiden und fragen: Wann ist denn bitte “später”? Doktorat UND MBA mussten stets unter dem Regime der Unternehmerin erledigt werden. Warum hat DIE immer das Sagen? 

Die Unternehmerin agiert clever wie eine Verbinderin und versucht alle im Boot zu halten. Sie lobt zwischendurch die Oma und bittet um Geduld an der Bildungsfront. Nach Corona hätten doch wirklich alle andere Sorgen und jetzt sollte man lieber zusammenhalten. Sie ist die geborene Politikerin, die sogar die Opposition ruhigstellt. Nur die Aussteigerin in mir hat  ihr Spiel durchschaut. Deshalb hat sie sich im März mitten in der Coronakrise in Westaustralien mal einen Anwalt genommen, um eine mögliche Auswanderung zu besprechen. Das Geld dafür wollte sie dann von der Unternehmerin haben, die hatte jedoch abgelehnt und sie in die Wüste geschickt. Seither sitzt sie dort und verdurstet. 

Wahrscheinlich ließen sich noch einige Protagonisten meiner Persönlichkeit finden und ich wäre immer noch nicht schizophren. Der Unterschied ist klar: Neurotiker bauen sich Luftschlösser. Psychotiker leben darin. 

Der Coachingtipp: Werte und Moralvorstellung entstehen nicht einfach so. Innere Lobbyisten stiften uns dazu an, welche nach außen zu vertreten. 

Zu jeder der Maslow’schen Stufen lassen sich auch bei Ihnen jede Menge Identitäten finden. Viele innere Teamplayer streben oftmals in völlig unterschiedliche Richtungen. Mit welchen Argumenten werden Sie geködert und wodurch klein gehalten? Benennen Sie die Gegenspieler, die sich in IHRER Persönlichkeit finden lassen. Wer davon hat aktuell das Sagen?