“MasterClass” ist Mittelmaß

“MasterClass” ist Mittelmaß

Mitten in der Covid19 Krise hatte jeder seine eigene Methode, um mit den schleppenden Wochen umzugehen. Während die einen beteuerten, dass sie die berufliche Auszeit für eine willkommene Abwechslung hielten, garantierten einem die anderen, dass sie finanziell den Shutdown nicht überstehen würden. Vom persönlichen Sabbatical bis zum bevorstehenden Bürgerkrieg mit Plünderungen im großen Stil habe ich alles gelesen und gehört. 

Mein Schwiegersohn hat mir in dieser Zeit genialer Weise ein Jahresabo MasterClass geschenkt. Die Geschäftsidee des findigen CEO David Rogiers ist einfachJeder kann von den Besten profitieren! (Er profitierte ganz sicher.) 

Begeistert habe ich meinen Voucher startklar gemacht. Dann galt es erst mal einen Promi-Tutor auszusuchen. Zwischen Annie Leibovitz, der großen Portraitfotografin und Jodie Foster, Oscarpreisträger & Filmprofi vor und hinter der Kamera oder Shonda Rhimes, der preisgekrönten Drehbuchautorin von “How to get away with Murder” und “Scandal” zu wählen, war gar nicht so einfach. Als FotoAddict entschied ich mich virtuell die Klasse von Annie Leibovitz zu besuchen. 

Immerhin gestaltete ich in Wien bereits selbst fünf Foto-Ausstellungen in einer großen Bank. Zudem habe ich den Foto-Band zu ihren tollen Werken schon vor 20 Jahren verschlungen. Irgendwo in meiner Heim-Bibliothek steht er mit vielen Notizen versehen und dem darauf festgehaltenen Wunsch dieser einzigartigen Fotografin und ihrer Arbeit irgendwann einmal mehr Zeit zu widmen. Meine australische Quarantäne erschien mir dafür perfekt! 

Nach dem vierten oder fünften Video-Tutorial wurde mijedoch klar, warum diese prominent besetzte Businessidee zwar wirtschaftlich floriert, aber lernpädagogisch nicht fliegt: Die Essenzen von einzelnen Menschen lassen sich weder in einem Reagenzglas noch in einer Urne einfangen und ganz bestimmt nicht auf einem 2-D-Monitor in Form von Videos. (Auch, wenn diese hochprofessionell gemacht sind)  

Der Betrachter erlebt beispielsweise die große Leibovitz mit strähnigen ungepflegten Haaren inmitten gecasteter „Studenten“ sitzend. Dort gibt sie sich zwar bescheiden und freundlich, aber doch mit recht platten Ratschlägen: „Fotografiert zuerst, die Menschen, die Euch umgeben!“ Ja, eh! Mit Brad Pitt oder Angelina hätte ich jetzt eh nicht begonnen. 

Die US-Star-Fotografin bespricht ein Bild, das sie einst von ihrer Großmutter gemacht hat. Wäre es nicht Oma Leibovits … man erkennt eine ältere Dame, die bilddramaturgisch wenig schmeichelnd positioniert ist. Ein mäßig gelungenes Schwarz-Weißbild, das wohl keine Erwähnung wert ist – käme es nicht von Annie. 

Als matte Performance empfand ich aber nicht nur die Darbietung von Annie Leibovitz, auch Werner Herzog, der einst mit dem genialen und exzentrischen Klaus Kinski drehte, mutete durch seine Botschaften recht gewöhnlich an. Bei keiner Meisterklasse erntete ich die suggestiv mitverkaufte „die große Erkenntnis“. 

Nach einigen Stunden mit “den ganz Großen” aus den unterschiedlichen Genres ist mein Block immer noch leer und mein Stift – vor lauter Ungeduld – fast abgenagt. 

Fazit: In 2-D sind wir halt alle weniger charismatisch als in 3-D. Das gilt zum Glück auch für die Stars.