Online Kommunikation: Virtuell & virtuos

15. Januar 2021 von Tatjana Lackner, MBA

Jedes Jahr bilden wir an der Schule des Sprechens viele Sprechtrainer, Business Rhetorik Coaches aus und kümmern uns auch um die “Train the Trainer”-Fortbildung.

Methodik & Didaktik

Der Unterschied zwischen Methodik und Didaktik ist besonders beim Remote-Training essentiell.

Das beginnt bei der konzeptionellen Planung: Welche Module sollen aufbauend aufeinander gelehrt werden? Nicht umsonst heißt die Wissenschaft vom Unterricht selbst, also vom Lehren und Lernen: Didaktik.

Wohingegen die Methodik eher den Weg beschreibt: Wie können wir den Wissenstransfer als Trainer garantieren? Welche Übungen braucht es? Das Methodenrepertoire wird bei jedem Coach für Live-Online-Trainings deutlich adaptiert. Viele praktische Seminaraufgaben fallen remote weg oder müssen ersetzt werden. Neues entsteht durch die moderne Visualisierung und den Einsatz der Technik.

Online Unterricht: Mensch-Maschine-Methode

Als Trainer sollte man sich auf den unterschiedlichsten Plattformen gut auskennen. Egal, ob Microsoft Teams, Zoom, Skype oder Jitsi. Wir müssen – auch online – den Lerntransfer garantieren und Coachings interaktiv, knackig und ansprechend gestalten: Kleine Lerndosen – große Wirkung!

Online Learning findet dann routiniert statt, wenn der Live-Coach das technische Handling virtuos beherrscht und dabei stets die 3 M’s im Blick hat: Mensch-Maschine-Methode„.

Dabei sind wir mal technische Ratgeber auf der anderen Seite des Bildschirms, denn vielleicht hat ein Teilnehmer Schwierigkeiten mit seiner Kamera, dem Mikro oder er kennt sich auf der Plattform noch zu wenig aus. Dann wieder sind wir Organisatoren und Moderatoren in unserer “Host”-Funktion. Schließlich sollen sich alle wohl fühlen und keiner langweilen – während wir neue Teilnehmer einlassen und anderen noch auf die Sprünge helfen. Und als wären Menschen und Maschine nicht schon genug, werden wir als Trainer vor allem an unserer Methode gemessen. Sich im Onlinekurs wohl zu fühlen und oft dran gekommen zu sein, ist die eine Sache. Gute Methodiker erkennt man daran, dass sie sich genau überlegt haben wie die neuen Inhalte durch klare Anweisungen in die Praxis – und damit in den Alltag – der Teilnehmer gelangen.

Wenn mir jemand nach dem Training schreibt: “Tatjana, ich habe die Pocket-Rhetorik aus unserer letzten Session in meine Präsentation eingebaut und damit im Vorstandsmeeting alle Punkte abgeräumt”, dann weiß ich, dass meine Methode gewirkt hat.

Vorbereitung ist Trumpf

Ich persönlich habe meinen Desktop mit unserem Logobild gebrandet, weil es mich zwingt Ordnung zu halten. Sobald ich Teilnehmern meinen Bildschirm freigebe können Sie den Schriftzug DIE SCHULE DES SPRECHENS lesen. Auch meine 46 Trainer sind angehalten die benötigten PowerPoint-Charts im Hintergrund vor der Online-Einheit bereits logofit am Start zu haben.

Ein Online-Meeting zu hosten bedeutet immer einige Planungsarbeit. Dramaturgie fällt nicht aus dem Bildschirm, sondern ist harte Arbeit. Welche Übungen eignen sich? Wann braucht es Interaktion für die Teilnehmer? Wann sind einige Minuten der Reflektion mit anderen nötig? Wie viel muss erklärt werden?

TTT: Teacher’s Talking Time

Der größte Feind ist auch in der Online-Lesson die TTT: Teacher’s Talking Time. In einer Präsenzstunde sollten – je nach Unterrichtsthema – 70% die Trainees am Wort sein und nur 30% der Trainer. Ich achte bei mir im Haus peinlich genau auf eine gute TTT-Quote.

Das wird sich remote nicht immer umsetzen lassen, aber auch hier gilt: Der Fokus liegt auf der Interaktion der Teilnehmer. Andernfalls könnten sich diese auch eine Video-Konserve zu Gemüte führen. Ein Live-Trainer muss immer einen pädagogischen Mehrwert liefern.

Was gehört noch zur Planung? Die Räume für Breakout Sessions werden vorher angelegt. Wer die Mailadressen der einzelnen Teilnehmer einem bestimmten Raum zuordnet, der definiert schon vor der Sitzung, wer mit wem zusammenarbeitet. Gerade bei interaktiven Übungen ist das sinnvoll.

Selbst, wenn ich die Teilnehmenden vorher nicht kenne, so sind diesbezügliche Vorüberlegungen wertvoll. Wer beispielsweise sechs Männer und drei Frauen laut Anmeldung erwartet, der kann jetzt das Gender-Verhältnis in den Übungsgruppen noch sanft beeinflussen, indem drei Breakout-Räume vordefiniert werden und wenigstens jeder Raum auch mit einer Teilnehmerin besetzt wird.

Licht ins Gesicht

Wie gut eine Person ausgeleuchtet ist hängt von der externen Lichtquelle ab. Die Deckenlampe oder das Tageslicht reichen an grauen Tagen oder spätestens ab dem Nachmittag für ein gutes Kamerabild nicht mehr aus. Manche sitzen sprichwörtlich im Dunklen und wirken dadurch selten helle. Überbelichtete Gesichter erlebt man im Business kaum, dafür bei Bloggern auf Instagram häufig.

Nachdem wir Licht- & Tonmeister und Regisseur zugleich sind, ist nach dem Wechsel der einzelnen Videokonferenz-Systeme gelegentlich ein neuerlicher Soundcheck sinnvoll. Bei großen Webinaren oder Online-Keynotes – wie beispielsweise auf GoToWebinar, WebinarJam oder ClickMeeting – sind vorher Soundchecks unerlässlich. Sie werden von den Systemen oft automatisch angeboten. Zwischen den Meetings schadet es übrigens nicht mal wieder die eigene Kameralinse zu putzen – frei nach dem Motto: “Wenn Dein Fenster innen schmutzig ist, nützt es nichts von außen zu polieren.”

Gibst Du Hintergrundinformationen?

Was Teilnehmer virtuell hinter dem Vortragenden alles sehen spricht nicht nur Bände über die Wohn- oder Arbeitssituation, sondern auch über die Menschen, mit dem man sich im Meeting befindet. Wäscheständer, Hirschgeweihe und unaufgeräumte Arbeitsbereiche kommen selten gut an. Optimal läuft es dann, wenn der Hintergrund eines Online-Speakers nicht im Vordergrund steht.

Künstlich eingeblendete Hintergrundbilder oder virtuelle Filter machen die Sache selten besser. Fast immer sieht man, dass hier artifiziell nachgeholfen wurde, weil die “blurred lines” – also der Übergang zwischen “Mensch und Kulisse” – flimmern. Das erzeugt sofort Misstrauen, weil Teilnehmer vermuten “hier verbirgt jemand etwas”. Nichts sollte auf die Vertrauensebene drücken, denn ausgerechnet die ist – besonders online – in der Kommunikation das Wichtigste überhaupt.

Fazit: Selbst in persönlichen Coachings braucht es manchmal Jahre, um Vertrauen aufzubauen. Dafür sind vor allem Transparenz, Zeit und positive Erlebnisse wichtig, die jemand mit uns verbindet. Künstlich gefilterte Gesprächssituationen wirken selten authentisch. Online-Meetings sollten wir noch akkurater vorbereiten als Live-Besprechungen. Nur wer klar strukturiert wird die Sitzung auch virtuell virtuos leiten. Wir sollten uns immer vor Augen halten: Es braucht nur wenige Sekunden, um Vertrauen zu zerstören, aber eine Ewigkeit, um es erneut aufzubauen.

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