Wir werden hinters Licht geführt

Der politische Schnuller: Lügen!

Wünschen wir uns Lügen als Tröster, weil sie uns beruhigen? In der Öffentlichkeit wird fallweise gelogen, dass sich die Balken biegen – egal ob bei Bewerbungsgesprächen, im Szene-Smalltalk oder auf dem politischen Parkett.

Wenn Rudolf Hundstorfer in Österreich einst behauptete: „Unsere Pensionen sind gesichert!, dann war jedem klar, dass diese Aussage – vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung – eine Lüge und nicht die Wahrheit ist. Versprochen ist versprochen – und wird gerne gebrochen. Wir erinnern uns: Die Wiener Grünen-Chefin Maria Vassilakou löste ihr Wahlversprechen nie ein. Sie trat nicht zurück.

Wiens Ex-Bürgermeister Michael Häupl machte andernorts Furor mit einem skurrilen Sager Furore: „Es gibt kein Budgetloch – es gibt von den Prognosen her nur eine Vorausschau, dass Ausgaben und Einnahmen erheblich auseinander laufen.“ Auch in anderen Ländern gehört die politische Lüge zum Tagesgeschäft und hat oft erhebliche Folgen – allerdings selten für den Lügner: Der ehemaliger UKIP-Chef Nigel Farage und Brexit-Verfechter Iain Duncan Smith haben sich nach dem zukunftsentscheidenden Referendum längst wieder von ihrem Slogan „350 Millionen für das Gesundheitswesen“ distanziert. Farage gab im britischen Fernsehen den Fehler öffentlich zu. Na und? England ist zwar jetzt raus aus der EU, aber Schwamm drüber! Public Lies: Trösten uns öffentliche Lügen?

Auf der anderen Seite des Teiches geht es nicht anders zu. Bei der BP-Katastrophe garantierte einst Barack Obama: „Ich stopfe das Bohrloch!“. Damals wusste jeder, dass er nicht mit Helm und Tauchanzug in die Tiefe des Golfes von Mexiko eilen wird, um für den BP-Konzern zu klempnern. Bei George W. Busch oder Donald Trump glauben nur wenige Menschen, dass es sich um ehrliche Politiker handelt. Dennoch tut das ihrer Popularität keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Lügen dieser Art scheinen die Masse zu trösten und sind öffentlich akzeptiert.

Verbaler Bystander-Effekt

In dieser Akzeptanz liegt jedoch für unser gesellschaftliches Werteniveau auch das Problem. Eine Art verbaler Bystander-Effekt/Zuschauereffekt tritt ein, wobei es hier nicht darum geht, dass beim Delikt die Hilfeleistung unterlassen wird. Vielmehr schauen und hören wir täglich öffentlichen Lügnern zu. Wenn sie aus dem gleichen Milieu oder derselben Peergroup kommen, wie wir und grundsätzlich Werte vertreten für die wir selber auch einstehen, dann sind wir geneigt Schwindeleien eher zu dulden oder sogar zu entschuldigen. Denn: schwarze Schafe gibt es schließlich überall, richtig?!

Lügen: Gift fürs Klima

Protestiert wird dann lieber bei den Lügnern der anderen gesellschaftlichen Schicht, Partei oder Wertegemeinschaft. Wer bewegt sich außerdem schon gerne aus dem Schatten der Anonymität, um der Wahrheit sprachlich ans Licht zu helfen? „Die am Drücker sitzen“ machen doch eh, was sie wollen. Überforderung und Gestaltungsohnmacht treten als bestimmende Gefühle in den Vordergrund. Sogar in Konzernen berichten Mitarbeiter davon, dass entlarvte Managementlügen geduldet wurden, weil sich niemand dem Risiko einer Kündigung aussetzen wollte. Neben der Verantwortungsdiffusion erzählten die Mitarbeiter, dass das Konzernklima spürbar verlogener und intriganter wurde.

Facebook schafft zwar insofern Abhilfe, dass man sich hier verbal in seiner Communitiy auskübeln kann. Der Nörgler setzt sich aber auch da dem Risiko aus, unliebsam bewertet und sogar gemobbt zu werden. Lieber erspart man sich deshalb ein Werte-Outing. Die Folge: leichter schlittert man in die Aktions-Ignoranz. Die Erkenntnis, dass man als Einzelner „eh nichts ausrichten kann“ wird zur Tatsache erhoben. Diese Reaktionsstarre der Bürger hat aber auch zur Konsequenz, dass die öffentlichen Lügner zu Role Models für die eigene Wahrheitsauslegung werden. Die Hemmschwelle sinkt.

Die Gefahr, dass Bürger moralisch verwerfliche Taten begehen, steigt: Steuerhinterziehung bei Promis, Ministern oder einer anderen Person des öffentlichen Lebens führen selten zu höherer steuerlicher Akkuratesse beim Durchschnittsbürger. Nach der Ära eines korrupten Finanzministers gibt es vermutlich nicht gerade weniger schwarze Schafe als vor dessen Amtsantritt – was Briefkastenfirmen, Schwarzarbeit und Untreue beweisen.

Notlügen & Konfliktscheue

Statistisch betrachtet lügen Menschen bis zu 200 Mal am Tag. Die wichtigsten Lügen dienen dem Selbstschutz (41 %), um sich Ärger zu ersparen, 14 % lügen, um sich mit einer Konfliktsituation nicht auseinandersetzen zu müssen (wieder Selbstschutz), 8,5 % lügen aus Angst, um geliebt zu werden oder um die Anerkennung nicht zu verlieren. 6 % lügen, um sich besser darzustellen. Kleine Lügen bzw. „selektive Informationsangaben“ gehören zum alltäglichen Miteinander. Schließlich wird auch gemogelt, damit sich niemand kränkt oder damit wir selbst komplizierten Auseinandersetzungen entgehen samt den lästigen Erklärungen. Häufig kommen wir mit dieser Form von Konfliktscheue durch.

Sind „White Lies“ erlaubt?

Klar ist auch, dass niemand etwas davon hat, wenn man dem Opa auf dem Sterbebett noch schnell reinen Wein einschenkt. Harmlose Notlügen, sogenannte „White Lies“, sind in diesem Fall erlaubt. Ehrlichkeit, die nur dem Lügner Linderung verschafft und den Belogenen sinnlos belastet, ist gesellschaftlich sogar verpönt.

Was ist „Astroturfing“?

Jeff Hancock, Sozialwissenschaftler und Professor für Kommunikation an der Standford University, ist davon überzeugt, dass uns das Internet zu einer „betrügerischen Spezies“ gemacht hat. Gerade im digitalen Zeitalter nimmt „Astroturfing“ massiv zu. AstroTurf ist in den USA die Marke eines Kunstrasens. Es geht im übertragenen Sinn darum, dass die grüne Fläche im Sportstadium nur vorgaukelt, aus einer dichten „Graswurzelbewegung“ entstanden zu sein. In der politischen PR, aber auch in der kommerziellen Werbung, versteht man darunter gekaufte Hoteltests, positiv manipulierte Rezensionen (von Büchern, Filmen etc.) oder andere beauftragte Produktbewertungen. Er und seine Wissenschaftler haben einen sprachlichen Algorithmus programmiert, um diese gefakten Informationen zu analysieren. Der Computer erkennt wesentlich leichter, welche Bewertungen bezahlt und damit gefälscht sind und welche von „echten Kunden“ stammen.

Digitale Lügenbeutel harmlos?

Durch die 24/7-Erreichbarkeit baut sich der Mensch unweigerlich eine Pufferzone um sich herum als Schutz auf. Nachdem wir mit anderen gute Beziehungen pflegen wollen, verklausulieren wir die Wahrheit. Statt: „Ich will gerade nicht mit Dir sprechen“ sind diese Sätze gesellschaftlich tolerierter: „Ich bin gerade in einem Meeting“, „mein Akku ist schon schwach“ oder „ich muss mich beeilen“. Ausreden dieser Art gehören zum Alltag, denn sobald jemand Ihre Handynummer besitzt, hat er grundsätzlich rund um die Uhr die Möglichkeit, mit Ihnen in Kontakt zu treten.

Obwohl Täuschungen gerade im Netz allgegenwärtig sind – in Sex-Chatrooms, herzzerreißenden Abzockermails von angeblich armen Menschen in Not, die sich Geld leihen wollen oder vom nigerianische Geschäftsmann, der Sie bittet 43 Millionen für ihn entgegen zu nehmen – hat Hancock festgestellt, dass in E-Mails beispielsweise weniger gelogen wird als am Telefon. Er fand in seinen Studien auch heraus, dass die Facebook-Profile viel näher mit der Wirklichkeit einer Person zusammenhängen als viele das vermuten würden.

Natürlich werden Tagesabläufe geschönt, Ereignisse größer gemacht und Profilfotos behübscht. Dennoch: Professor Hancock ist davon überzeugt, dass wir online weniger schwindeln als von Angesicht zu Angesicht. Menschen lügen nur, wenn sie Grund dazu haben. Bloß weil jemand gerade elektronisch kommuniziert und nicht persönlich anwesend ist, heißt das noch lange nicht, dass er grundlos zum Lügenbeutel wird.

Lügen als Beruf

Bei vielen Brettspielen sind Lügen, Täuschen oder Pokern sogar wesentliche Bestandteile. Wir müssen sie beherrschen, um weiter zu kommen: die Kunst der Verschleierung. Im Privaten, im engsten Kreis der Familie oder in der Paarbeziehung, wünschen wir uns dann aber ganz, ganz ehrliche Meldungen. Doch: Gehen sich Public Lies, die sogar eingefordert werden, neben Private Truths wirklich aus?

Der einflussreiche US-Starphilosoph für Moral, Michael J. Sandel, bringt es im Gespräch mit Peer Steinbrück, SPD, mit folgender Zeile auf den Punkt: „Die Leute sehnen sich nach den großen Themen in der Politik, nach Werten. Aber die Politik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend von ihren höheren Anliegen verabschiedet und sich auf Management und Technokratie reduziert.“

Fazit: Geduldete öffentliche Lügner senken das Werteverständnis. Die ganze Welt betreibt Euphemismus im großen Stil, und daheim soll dann ganz sauber kommuniziert werden? Manche Lügen spenden wohl mehr Trost als wahrhaftige Antworten auf Fragen, die wir besser nie gestellt hätten. Sie: „Bin ich zu dick?“ Er: „Gewo, Moppelchen!“