Verschwörungen bieten gutes Storytelling

Verschwörungen bieten gutes Storytelling

Das Komplott und die Früchte der Verschwörung

Ich gebe zu, ich bin ein Fan von Verschwörungstheorien. Natürlich begeistern mich nicht alle gleichermaßen. Nein, Elvis lebt heute nicht mehr und selbst wenn, wäre es sogar mir als Graceland bereisten Elvis-Fan langsam wurscht. Interessant ist vielmehr die Tatsache, dass Verschwörungstheorien über guten Weitererzähl-Wert verfügen, wogegen bei realen Packeleien viele Menschen lieber wegschauen.

Verschwörungsautoren gibt es wie Sand am Meer; sie bedienen unseren Voyeurismus. Eine ganze Industrie lebt von Aufdeckerstories und Wachrüttlern, die angeblich hinter die Kulissen des politischen oder gesellschaftlichen Treibens blicken.

Die Hoffnung, dass sich hinter dem banalen Leben noch irgendetwas Geheimnisvolles verbirgt, hält geistig auf Trab und lässt uns – nicht zuletzt politisch – wachsam bleiben. Ungeschminkte Tatsachen aufspüren, Systeme hinterfragen und auf Motivsuche gehen, regt nicht nur den Boulevard auf, sondern auch das analytische Denken des Einzelnen an.

Rhetorisch betrachtet, vereinen konspirative Überlegungen gleich mehrere interessante Eigenschaften. – Sofern die Argumente schlüssig scheinen und Motive plausibel, sind sie nicht weniger „falsch“ als andere politische oder wirtschaftliche Theorien. Fake News verbreiten sich schneller als sonstige Meldungen. In der Kommunikationsgesellschaft geht es eben um den Weitererzähl-Wert. Frische Informationen lassen ihre Verteiler gut dastehen und heben deren Status im Netz.

Verschwörungstheorien sichern Weitererzähl-Wert:

  • Sie setzen eine skeptische Grundhaltung gegenüber den Autoritäten voraus.
  • Zudem bieten sie Potenzial für soziales Wissen und positives Bürgerengagement.
  • Konspirationen lassen sich gerade im Internet-Zeitalter wie ein Lauffeuer verbreiten.
  • Verschwörungen fördern das „Out of the Box“-Denken.
  • Viele historische Konspirationstheorien haben sich heute als anerkannte Verschwörungen entpuppt.
  • Sie beeinflussen diskursive Prozesse der gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktion.
  • Sie offenbaren „Macht-Wissens-Komplexe“
  • Häufig war eine Verschwörung der Auslöser für sinnvolle Reglements und die Einführung von Kartellbehörden, Aufsichtsorganen, etc.

Schade, dass Verschwörungstheorien oft stiefkindlich behandelt werden. Schnell gelten selbst die nachvollziehbaren Annahmen als fragwürdig und werden in die Ecke neben das paranoide Denken gestellt. Sobald man das Label: „Das ist doch alles reine Verschwörung“ draufschreiben kann, wird nicht mehr unterschieden zwischen blankem Unsinn oder Kaffeesudlesen und grundsätzlich einleuchtenden Zweifeln oder Hypothesen.

Moderner Sophismus begegnet uns auch in Form von Aufdeckern, die sogar ihr Leben dafür riskieren, die Demokratie oder den Frieden in einem Land zu retten. Daniel Ellsberg ist wohl der wichtigste Whistleblower Amerikas vor Snowden. Er wurde 1971 angeklagt, da er Papiere aus dem Pentagon an die Presse weitergeleitet hat. Darin war eindeutig belegt, wie sehr die amerikanische Bevölkerung getäuscht und vorsätzlich in den Vietnamkrieg getrieben wurde. Ellsberg ist heute über 88 Jahre alt. Er hält Snowden die Stange und hofft auf ein gutes Ende für ihn. Snowden ließ den Guardian wissen, dass „es dieses Land wert sei, dass man sein Leben dafür lässt“.

Snowden formulierte in seinen Dokumenten sein Anliegen: die Integrität des ersten, vierten und fünften US-Verfassungszusatzes wiederherzustellen (d.h. konkret die Verfassungszusätze für Meinungsfreiheit, den Schutz vor staatlichen Übergriffen und die Rechte von Angeklagten).

Fazit: Verschwörungen sind nicht ungeprüft abzulehnen. Das beweisen uns Edward Snowden und viele andere mutige Whistleblower seit Jahrzehnten. Alle digitale Kommunikation wird verdatet und Informationen verkauft.

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