Verwenden Sie die sieben Gesprächsarten?

Verwenden Sie die sieben Gesprächsarten? 

Monotonie ist weder stimmlich noch dramaturgisch gefragt. Top-Redner stellen atmosphärisch ein angenehmes „Zuhörklima“ her und gedanklich wechseln sie dafür die Gesprächsart je nach Vortragspassage. Mal gestalten sie Textpassagen bildreich und visionär, dann wieder strategisch nachvollziehbar. Ein einziger Vortrag wird so zu einem Medley aus unterschiedlichen Gesprächsarten. Wenn man die Vorsitzenden der DAX-Konzerne einem Rhetorik-Check unterzieht, dann wird schnell klar, warum man den interaktiv gestalteten Keynotes von Norbert Reithofer, Aufsichtsratsvorsitzender von BMW, beispielsweise besser zuhören kann, als Dieter Zetsche, der den Vorsitz im Aufsichtsrat der TUI AG inne hat. 

Diese sieben sollten Sie kennen und aus ihnen schöpfen:  

1.  Visionäres Gespräch 

Es ist inspirierend, wenn uns Menschen nachvollziehbar Bilder skizzieren, wie das Morgen oder ein neuer Produktlaunch aussieht. Dafür braucht es Storytelling-Elemente, Frames und Bildsprache. „Stellen Sie sich vor, Sie müssten nur drei Tage in der Woche arbeiten. Was würden Sie mit der restlichen gewonnenen Lebenszeit anstellen?“ 

Matthias Strolz ist beispielsweise ein visionärer Redner, der am liebsten die Welt verändert und den Markt revolutioniert. Es tut gut, mit jemandem gemeinsam Luftschlösser zu bauen. Doch: Wir schaffen das Zuhören nicht annähernd eine Stunde lang. Irgendwann muss der Vortragende von seinem meist eindringlichen Emphase-Ton auch wieder runter. Zu viel Enthusiasmus nervt schon nach wenigen Minuten. 

2.  Diagnosegespräch 

Anders ist der Sound beim Arzt, wenn er sein Diagnosegespräch mit uns als Patienten abwickelt. Die Vormachtstellung seines Wissens erzeugt eine Dysbalance und wir werden kleiner. „Also, wir haben es hier mit einer Dyspnoe zu tun. Die Symptomatik mit Ihrem Husten in Verbindung mit den Laborwerten lässt auf eine bakterielle Infektion schließen…“ 

Die Natur eines Problems oder einer Krankheit wird ergründet, benannt und klar definiert, wie man nun weiter vorzugehen hat. Siegfried Meryn beispielsweise hat sich im ORF als Gesundheitsexperte einen Namen gemacht. Für fünfzehn Minuten sind kompetente Gesundheitsinformationen völlig in Ordnung, aber auch hier gilt: Die Dosis macht das Gift. Wir lassen uns nicht eine Vortragsstunde lang etwas von einem sprichwörtlichen „Besserwisser“ im Expertenton erzählen. 

3.  Strategisches Gespräch 

Diese Gespräche verlaufen analytisch. Vieles was besprochen wird, findet auf der Abstraktionsebene statt. Es geht darum, die Herausforderungen zu benennen und Schritte zum definierten Ziel zu entwickeln. Für verkopfte Menschen ist präzise Analyse das logische Resultat zum Erfolg. Sie lieben Strukturen und Denkmodelle. Für Zuhörer, die eher praktisch veranlagt sind, fallen lediglich viele Worte, aber es fehlen ihnen die Bilder für die Versteh-Zusammenhänge im Kopf. Das strategische Gespräch ist in der Wissensgesellschaft wichtig, es darf sich aber nicht zu lange bis zur praktischen Umsetzung ziehen. Wenn Strategieberater bei der Türe hereinkommen, dann wird es meistens fad. „Durch unsere einschlägige Lösungskompetenz sind wir ein verlässlicher Partner für Klein- und Mittelbetriebe.“ 

Zur Gruppe der Strategiegespräche gehören unter anderem Bewerbungen, Hearings, Assessments und der fachliche Medientalk. Wer sich strategisch clever positioniert, logisch antwortet und in keine Fragefallen tappt, der ist gut beraten. 

4.  Kreativgespräch 

Im Design Thinking Process oder in der Innovationskultur erleben wir kreative Herangehensweisen und spielerische Zusammenarbeit. Der Name Walt Disney steht, wie kein anderer, für Ideenreichtum, Fantasie und Schöpfergeist. Egal, ob man eintaucht in die „Walt Disney Methode“ oder ins „Lego Serious Play“ – immer geht es darum Entscheidungshilfen zu entwickeln und die Perspektive zu wechseln. Mit der „De Bono 6 Hüte Methode“ beispielsweise, werden seit Jahren Business Pläne und Geschäftsideen weiterentwickelt. 

Kreative Fragen helfen: „Wäre unsere Firma ein Musical – welchen Titel hätte sie?“  

Es ist vor allem für Führungskräfte bereichernd, in die Welten der kreativen Workshops einzutauchen. Wer jedoch beim Vortrag auf diese Weise über eine Stunde lang die Welt erklärt, der wird viele Zuhörer gedanklich verlieren. 

5.  Bewertungsgespräch 

„Taten statt Worte!“, lautet für viele Sanierer und Macher die Devise. Sie haben keine Zeit für Strategie-Workshops, sondern bewerten selbst die Machbarkeit und Qualität von Ideen. Schnell wird durch diesen wirtschaftlichen Verifizierungsansatz klar, welche Produktverkäufe erfolgreich laufen und warum Konzepte nicht performen. Für die einen ist die Absatzbilanz ihre Bibel, an die sie glauben. Für andere Branchen sind es Finanzbewertungen oder Bilanzkennzahlen. Wer sich nur in EBIT, KPIs und Prozentwerten ausdrückt, der wird selten als menschlicher Redner empfunden. Wenn man dem Präsidenten des Instituts für Weltwirtschaft Gabriel Felbermayr zuhört, dann weiß man, wie es klingt, wenn es fast ausschließlich um ökonomisierte Mathematik geht. Krisenprophet Nouriel Roubini ließ im Sommer aufhorchen: „Krypto ist Nonsens, ein Fehler, keiner benutzt es oder wird es jemals benutzen. Es gibt massive Preismanipulationen am Markt. Die Blockchain ist die am meisten zu Unrecht gehypte Technologie aller Zeiten.“ 

Zur Gattung der Bewertungsgespräche zählen ebenso Mitarbeiter-, Feedback- oder Kritikgespräche. Auch hier geht es um profunde Beurteilungs- und Leistungseinschätzung. 

6.  Interdisziplinäres Gespräch 

Menschen, die Versteh-Zusammenhänge zwischen mehreren Fachgebieten leichtfüßig herstellen und wir ihren Gedanken – wie unsichtbar geleitet – gut folgen können, sind interdisziplinär talentiert. Konrad Paul Liessmann spannt in vielen TV-Gesprächen den Bogen von der Bildung und dem bitter nötigen Humanismus zur Wirtschaft und zurück zum Sinn des Lebens.  

„Seit es Zivilisation gibt, spaltet die Einführung neuer Medien die Zeitgenossen. Es bilden sich in der Regel zwei Gruppen, die ich „Euphoriker“ und „Depressive“ nennen möchte. Die Euphoriker erhoffen sich die Erfüllung ihrer Träume: Demokratie, Glück für alle, Befreiung der Menschen von der Last alltäglicher Arbeit, universale Bildungs- und Kommunikationsmöglichkeiten, mehr Freizeit und Vergnügen. Auf der anderen Seite sehen die Depressiven in jeder technischen Innovation einen Angriff auf die Kultur, einen drohenden Verlust zivilisatorischer Errungenschaften, eine Zunahme an Oberflächlichkeit, Manipulationsmöglichkeit, Welt- und Umweltzerstörung, Desintegration und Entsolidarisierung. Beide Reaktionen erklären sich übrigens aus einer, wie ich es nennen möchte, Totalitätsvermutung.“ 

 
Auch Richard David Precht vermag es, Menschen mit auf die Reise in die Aufklärung zu Immanuel Kant zu nehmen und auf dem Rückweg streift er mit ihnen noch einige andere Wendepunkte der Philosophie. Das Zuhörergefühl in alte Zeiten geblickt und modrige Orte besucht zu haben, ist einprägsam. Danach setzt Philosoph Precht sie behutsam in ihrem eigenen Wohnzimmer wieder ab. Manche berichten, dass sie noch den Staub in der Kehle spüren vom historischen Rundtrip. 

Die Fähigkeit sich gedanklich in der modernen Welt schnell zwischen Disziplinen bewegen zu können, ist überlebensnötig. Wer sich beispielsweise mit künstlicher Intelligenz befasst, der wird gleichzeitig nachdenken müssen über Medizin, Philosophie, Kreativität und Informatik. Wie viel darf künstlich ersetzt werden bis wir keine Menschen mehr sind, sondern Computer? Lassen wir uns in Zukunft auch von Robots pflegen? Wo ist der Unterschied zwischen einem Schachcomputer und einem künstlichen Freund? 

7.  Taktikgespräch 

Taktische Redner sind Effektredner. Wir könnten ihnen stundenlang zuhören. Sie verzücken uns mit Wortwitz, Sinnspielen und platzieren Pointen gekonnt. Wir erleben sie im Kabarett und schmunzeln über ihre zynischen Vergleiche. Michael Niavarani beispielsweise ist auch im Privatgespräch witzig, bissig und schafft es, rhetorische Duftnoten so zu setzen, dass der Ergänzungsfilm des Gesprächspartners angeregt wird. Ich habe keine Zukunftspläne. Ich bin so mit der Gegenwart beschäftigt, ich handle mich von Minute zu Minute.“[3] 

Manche Proponenten dieser Gesprächsart sind selbst Gagschreiber geworden. Klar ist jedoch auch, dass sie zu Übertreibungen neigen und die Wahrheit für eine gute Pointe gerne mal auf der Strecke bleibt. Was der Stratege zu trocken ist, wirkt beim Taktiker zu üppig. Auch hier brauchen wir Abwechslung. Schließlich wollen wir uns nicht nur unterhalten, sondern bei einer Rede auch etwas lernen. 

Fazit: Wer die sieben Gesprächsarten in seinem Vortrag einsetzt, der zeigt verschiedene Facetten und ändert automatisch im Laufe der Rede die Tonart.